Herr Liberali: Sehr geehrter Herr Überwachungsstaat, ich danke Ihnen, dass Sie zwischen all den Video-Aufnahmen, Sichtung von Akten und Weiterbildung in der “Stasi-Schule” Zeit gefunden haben für dieses kurze Interview. Ich möchte auch direkt anfangen. In Ihrem Job ist es sicherlich schwer genug Arbeit zu finden. Wie kommen Sie an genügend Aufträge?
Herr Überwachungsstaat: Nun ja, es ist tatsächlich so, dass wir in der Vergangenheit zu wenig Arbeit hatten. Doch sind wir kräftig am expandieren. Schauen Sie, das Bedürfnis überwacht zu werden scheint tatsächlich in der Bevölkerung vorhanden zu sein. Und dieses Bedürfnis decken wir ab.
L: Nun ja, das mag ja sein, dass dieses Bedürfnis besteht. Sehen Sie sich aber in keinem Konflikt mit dem Datenschutz und der Freiheit im Allgemeinen?
Ü: Nun schon. Dieser Konflikt ist sicherlich vorhanden. Jedoch ist scheinbar den Menschen die eigene Freiheit und der Datenschutz nicht wichtiger als endlich auch mal bei Big Brother mitzumachen (lacht). Nein im Ernst. Wir müssen doch Sicherheit mit der Freiheit abwägen. Und da gewinnt nunmal immer die Sicherheit.
L: Ihre Ansicht scheint auch bei den Vertretern der Polizeidirektionen stark vertreten zu sein. Sind Sie nicht der Meinung, dass in all diesen Massnahmen stark übertrieben wird?
Ü: Schauen Sie, in diesen schwierigen Zeiten, in welchen alles schlimmer zu sein scheint als früher, muss man auch härter durchgreifen. Dies ist doch so, oder?
L: Sind denn solche Überwachungsmethoden wie Videokameras, Verbote an allen Ecken, Spitzel und Denuziantentum nicht aus der Zeit vor dem Mauerfall und seit jeher das Feindbild einer offenen Demokratie?
Ü: Sie können sicher sein, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben. Wir verbessern die Methoden jedoch und haben heute hochentwickeltes technisches Material zur Verfügung. Da ist es einfach etwas herauszufinden. Schauen Sie, eine Videoaufnahme kann doch nicht lügen. Dass das Internet nichts mehr löscht und somit die Prangerfotos für immer im Internet sein werden ist ja nicht unser Problem, oder? Es ist ja der Verbrecher welcher den Fehler gemacht hat. Ausserdem, die Feinde der Demokratie sind doch diejenigen welche wir filmen.
L: Was wenn Sie einmal den falschen erwischen? Auf den Fotos ist selten zu erkennen was er wirklich getan hat. Und auch Videoaufnahmen können ein falsches Bild liefern. Was passiert, wenn da jemand Falsches über das Internet gesucht wird?
Ü:Nun ja, wir versuchen natürlich, dass dies nicht passiert. Ausschliessen können wir es jedoch nicht. Das kann halt mal passieren. (grinst).
L: Das Leben dieser Person wird jedoch ab diesem Moment zerstört sein. Der Chef im Geschäft, die Freunde, Eltern, Bekannte, ja alle haben für immer dieses Foto im Kopf und wissen, dass er gesucht wurde. Ist dies vertretbar?
Ü: Wir hoffen natürlich, dass dies nicht passiert. Wir können für “Zur falschen Zeit am falschen Ort-Unfälle” keine Haftungen übernehmen. Dies kann halt passieren.
L: Herr Überwachungsstaat, ich danke Ihnen für dieses kurze Interview. Ich hoffe Sie finden den Weg nach Hause ohne Probleme.
Ü: Vielen Dank, ich denke das werde ich. Und ich hoffe wir sehen uns bald wieder, naja ich sehe Sie ja schon bald wieder (lacht).